Wir saßen in Chris’ leicht abgedunkeltem Studentenzimmer, die DVD glitt mit leisem Surren in den Laptop. Es war das Jahr 2004, als Matchsticks Focused den Funken unserer scheinbar unerreichbaren Sehnsucht entzündete. Alaska – eine neue Welt, nichts war größer und gleichzeitig ferner.
In den folgenden Jahren kratzten wir alles zusammen, um in den Bergen sein zu können. Gebrauchtes Material und rostige VW-Busse trugen uns durch die Winter. Filmprojekte und erste Sponsoren folgten – Alaska blieb dennoch eine unbestimmte Vision, zu absurd schien es, in unserer damaligen Lebenssituation ernsthaft daran zu denken. Wir erkundeten Europa, waren in Chamonix, La Grave, Verbier und anderen renommierten Skiorten, doch Alaska schien weit entfernt, während wir im VW-Bus in Engelberg Tunfischnudeln vor einem Restaurant aßen.

Auf Saison folgte Saison, die Jahre an der Universität neigten sich dem Ende zu und fast unbemerkt waren wir im Arbeitsleben angekommen, ohne in Alaska gewesen zu sein. Wir spürten, dass sich das Zeitfenster, Alaska als junge Männer zu erleben, langsam zu schließen begann. Doch die Kraft der möglichen Reue, es nicht einmal versucht zu haben, ließ uns alles überdenken. Jedes Gespräch brachte neue Zuversicht, eine leichte Euphorie entstand.
20 Jahre nachdem uns Shane McConkey und Seth Morrison das gelobte Land gezeigt hatten, buchten wir unsere Flüge nach Anchorage - drei Wochen Alaska, davon eine Woche mit dem Heli. Wir konnten es kaum glauben. Wir nahmen uns vor, die Erwartungen nicht zu hoch anzusetzen, dennoch waren sie unser ständiger Begleiter.
Zu viert, Markus und Stefan ergänzten unsere Gruppe, kamen wir in Anchorage an, übernahmen unseren geräumigen, aber etwas heruntergekommenen Camper und fuhren nach Valdez. Passables Wetter und schlechte Schneebedingungen konnten unserer Motivation wenig anhaben. Am Gipfel des Acapulco angekommen, breitete sich die scheinbar endlose Gebirgslandschaft vor uns aus. Es war ein erhabenes Gefühl, nach all den Jahren nun wirklich hier zu sein.
Den Tagen in Valdez wurde durch ein riesiges Tiefdruckgebiet ein jähes Ende bereitet und wir machten uns auf den Weg nach Haines. Noch mehr als sonst wischten die Daumen nervös über die Handys, auf der Suche nach verlässlichen Wetterdaten, während wir uns jeder Hoffnung bereitwillig hingaben.
Haines sollte uns eines Besseren belehren – mit Erwartungen schafft man keine Powdertage in Alaska. Am Haines Pass dichter Nebel und starker Wind, im Ort ergänzte Regen die gedrückte Stimmung und keine Besserung war in Sicht. Die Tage vergingen und es fiel zunehmend schwerer, die Motivation hochzuhalten.
Unsere letzte Woche begann in der Helilodge, doch auch hier hieß es zunächst warten. Ein kurzer Run, dann wieder Stillstand. Das Destillat aus 20 Jahren Imagination und Erwartungen ergoss sich über die außergewöhnliche Landschaft und bedeckte sie mit Ernüchterung und Unruhe. War’s das?
Nein, nicht ganz. Wir bekamen unseren Alaska-Moment. Blauer Himmel, frischer Schnee und wir, endlich. Kathedralen aus Schnee, Kunstwerke aus Fels und Eis, erhoben sich über die Weite. Wir waren am Ziel, überwältigt und erleichtert. Für einige Stunden durften wir erleben, was Alaska sein kann und wir versuchten, alles aus diesem Moment herauszupressen.

Ein letztes Mal näherte sich wummernd der Helikopter und Schnee umhüllte uns rauschend, während wir unser Material fixierten. Bereits routiniert stiegen wir ein und lächelten uns an, als der Heli abhob, erschöpft und zufrieden glitten unsere Blicke ein letztes Mal über die schimmernden Gipfel.
Die Rückreise nach Anchorage wurde zur Pflichtaufgabe. Die Reise war zu Ende und wir freuten uns auf zu Hause. Gleichzeitig machte sich ein leichtes Gefühl der Leere breit. War es Erschöpfung? Hatten wir uns mehr erwartet? Wir analysierten das Erlebt, anstatt darin aufzugehen, zu viele Dinge hatten die makellose Vorstellung getrübt.
Wieder zu Hause angekommen warteten der Frühling und unser Alltag. Die nächsten Wochen standen im Zeichen der Erholung.
In der zweiten Maiwoche war die Luft mild und mein Sohn spielte im Garten, als mich Markus anrief. Hast du die Nachrichten gesehen? Unfall, Chris, Bus. Ich suchte hastig nach den Meldungen, mein Magen zog sich zusammen. Bilder eines völlig zerstörten VW-Busses, es war seiner. Eine Person tot, eine schwer verletzt. Fassungslosigkeit.
In den folgenden Wochen kämpfte Chris um sein Leben. Worte wie „Wunder“ oder „alles wird sich ändern“ bestimmten die Gespräche. Das stetige Hintergrundrauschen leichter Unzufriedenheit über den Ablauf unserer Reise wurde vom Gefühl des drohenden Verlustes abrupt überlagert und mit unglaublicher Wucht forderten Solidarität, Empathie und Zusammenhalt ihren Platz ein.
Die Intensität dieser Ereignisse nötigte zu einer Neubewertung. Wir wussten nicht, ob wir jemals wieder gemeinsam in den Bergen sein würden. Mit großer Vehemenz trat in Bewusstsein, dass all die Jahre gemeinsam in den Bergen ein Privileg war, keine Selbstverständlichkeit. Man hatte den Fokus auf verfälschte Bilder gesetzt, die den Blick auf das Essentielle versperrten.
Wir hatten dieses Abenteuer gemeinsam erlebt. Und ich war unglaublich erleichtert, dass wir es gemacht hatten. Ein tiefes Gefühl der Dankbarkeit stellte sich ein und ich ging mir einem Lächeln gedanklich durch die gemeinsamen Momente der letzten Jahre. Unvollkommen, individuell und echt.
Chris überlebte, trotz der Schwere seiner Verletzungen, und kämpfte sich mit beeindruckender Energie zurück. Einige Monate später schob ich ihn im Rollstuhl aus dem Kino, als wir bereits wieder über Alaska sprachen.
Da müssen wir nochmal hin, nicht, weil wir etwas nicht erlebt hatten, sondern um wieder gemeinsam dort zu sein.

✒️ Daniel Feichtinger














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