Ein Paradoxon: Ist euch schon mal aufgefallen, dass soziale Medien, trotz all ihrer offensichtlichen Schwächen, in uns doch manchmal tiefere Gedanken anstoßen?
Unter einigen meiner Beiträge vom vergangenen Winter habe ich, zwischen den üblichen Floskeln und Emojis, mehrere Kommentare gelesen wie: „Das ist das wahre Leben!“.
Ein Satz, der mich irgendwie immer etwas ratlos zurückgelassen hat.
Die Bilder auf meinem Profil sind das Ergebnis des Talents von Fotograf und Skifahrer, die gemeinsam den Moment einfangen. Der Stil, der dabei sichtbar wird, entsteht durch eine komplexe Summe von Faktoren, die schwer aufeinander abzustimmen sind: Bildausschnitt, Licht, Belichtung, Qualität, Technik, Schnee. Als Skifahrer versuchen wir in diesen Momenten ganz bewusst, auch eine gewisse Gelassenheit in der Schwierigkeit der Bewegung zu zeigen. Die Harmonie und Koordination zwischen demjenigen, der fotografiert, und demjenigen, der fährt, ist entscheidend. Fehlt nur eines dieser Elemente, ist das Bild unbrauchbar.

Kann also dieses fragile Puzzle aus Momenten das „wahre Leben“ darstellen? Meiner Meinung nach: nein. Denn nichts ist weiter entfernt von meinem Alltag als die perfekt inszenierte Ski-Action auf meinem Instagram-Profil, auch wenn ich online stets versuche, so authentisch wie möglich zu bleiben.
Je mehr ich darüber nachdenke, desto absurder erscheint mir das Ganze. Mein Leben besteht nicht aus gelungenen Momenten, die von einem talentierten Fotografen festgehalten wurden. Nein. Jeden Tag, wie jeder andere auch, kämpfe ich mit Zweifeln und Ängsten: die Angst, meinen Job zu verlieren, meine Frau, nicht genug Geld zu haben, zu altern, nicht mehr geliebt zu werden, allein zu bleiben oder dass meiner Tochter etwas zustoßen könnte… die Liste könnte endlos weitergehen. Es fasziniert mich, wie wir Menschen, die am höchsten entwickelten Lebewesen, uns all diese Neurosen ausgedacht haben, mit denen wir dann versuchen zu leben. Tiere kennen solche Probleme nicht. Um mich zu beruhigen, reicht es oft, einfach die Katzen zu beobachten, die rund um den Hof leben.

Der moderne Mensch hat sich unzählige mehr oder weniger gefährliche Aktivitäten ausgedacht, darunter auch das Skifahren, um diese inneren Spannungen zu vergessen oder zumindest mit ihnen zurechtzukommen. Auch ich, der im Alltag oft unbeholfen, unsicher und für die Anforderungen der modernen Welt eher ungeeignet ist (teils aus Bequemlichkeit, teils aus Überzeugung), finde beim Skitourengehen und in ein paar schönen Abfahrten zur Ruhe. Beim Skifahren kommt man in einen Zustand der Kontemplation. Man ist im Moment, dem einzigen, den wir wirklich besitzen, und lebt ihn voll aus. In diesem Moment fühlen wir uns lebendig und glücklich, denn Skifahren hat diese erstaunliche Kraft, Angst zu bannen, indem es sie erlebbar macht.
Das Ritual zur Angstbewältigung ist dabei immer dasselbe: Step-in. Ein vielsagender Blick zu meinen Bindungen, ein prüfender Blick nach unten, in die Leere des steilen Hangs. Zwei Mal die Ski auf den Schnee schlagen und ich bin bereit, mich der tödlich-schönen Abfahrt zu stellen, mich in eine andere Welt zu stürzen. Eine Welt, aus der man zurückkehrt überwältigt, voller Adrenalin, Lebensfreude und Staunen. Endlich.
Auch wenn ich glaube, dass die einzige Angst, die es wirklich zu konfrontieren lohnt, die Angst vor dem Tod ist, weil sie die einzig reale ist, so geht es beim Skifahren auf gefährlichen Hängen nicht darum, sein Leben zu riskieren. Es geht darum, sich in einen Zustand zu versetzen, in dem jede Fähigkeit, jede Konzentration gefragt ist, um das Gewöhnliche zu verlassen und mit der eigenen Form von Außergewöhnlichem zu tanzen.

Es ist verrückt, wenn man darüber nachdenkt, dass all das nötig ist, um mit den eigenen Ängsten Frieden zu schließen zumal der Moment kommt, in dem man wieder ins Tal abfährt und in die Realität zurückkehrt. Die brutale Realität.
Ich wünsche euch, dass ihr euren eigenen Weg findet. Dass ihr lernt, die falschen Ängste zu vergessen und euch der Wirklichkeit zu stellen, mit dem Wissen, wo das wahre Leben stattfindet und wo nur die Inszenierung eines einzigen Augenblicks.
✒️ Bruno Compagnet
📸 Layla Kerley













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